100 Jahre Fachgebiet Papierfabrikation

Bereits an der Berufung von Prof. Pfarr war Dipl.-Ing. Friedrich MÜLLER, damals Technischer Direktor der Cröllwitzer Aktien-Papierfabrik, als Mitglied der Fachschulkommission beteiligt. Es war ein glücklicher Umstand, dass Prof. Müller nach dem plötzlichen Tod von Prof. Pfarr ohne großen Zeitverlust bereits am 01. April 1913 die Institutsleitung mit der eigens für ihn geschaffenen Professur Maschinenbau VII übernehmen konnte. Prof. Müller schrieb sich als 19-jähriger für das Studium des Maschinenbaus 1884 an der Technischen Hochschule München ein, das er 1888 abschloss. Seine berufliche Laufbahn begann er in der für den Papiermaschinenbau damals führenden Maschinenfabrik Hemmer in Neidenfels, gefolgt von weiteren Jahren bei Banning & Setz (später Banning & Seybold) in Düren, bevor er 1899 im Alter von nur 34 Jahren Technischer Direktor der Cröllwitzer Aktien-Papierfabrik in Sachsen-Anhalt wurde. Während seiner Tätigkeit in den beiden Maschinenbauunternehmen widmete er sich der Konstruktion von Maschinen und entwarf später ganze Papierfabriken. Durch den Niedergang der Papierpreise war seine Tätigkeit in der Cröllwitzer Papierfabrik auf die Wirtschaftlichkeit des Produktionsbetriebs durch Senkung der Betriebskosten ausgerichtet. Er vereinfachte und modernisierte die Dampf- und Kraftanlagen und nahm die Elektrifizierung der gesamten Papierfabrik vor, die in Cröllwitz als der zweiten deutschen Papierfabrik realisiert wurde [14].

Durch seine berufliche Vorbildung beherrschte Prof. Müller ähnlich wie sein Amtsvorgänger die Theorie und Praxis der Papierherstellung und verstand es, dies lehrend zu vermitteln. Während seiner Lehrtätigkeit ergänzte er systematisch die in seiner praktischen Tätigkeit erworbenen Kenntnisse und führte experimentelle Forschungsarbeiten größeren Stils durch. Dazu gehörten Untersuchungen an Holländern und die Erfindung der Mahldruckwaage. Außerdem drang er so tief in die wichtigsten Bedingungen der Papiermaschinenprozesse ein, dass er zuverlässige Grundlagen für die Durchrechnung von Papiermaschinen angeben konnte. Seine umfassenden Kenntnisse vermittelte er seinen Schülern und veröffentlichte sie in einem vom Güntter-Staib Verlag verlegten Fachbuch in vier Bänden „Die Papierfabrikation und deren Maschinen“. Diese Bände enthielten in straffster Form, was ein Papieringenieur über die Papierfabrikation und ihre damaligen Maschinen wissen musste. Sie waren so erfolgreich, dass die ersten beiden Bände schon nach kurzer Zeit im Neudruck erscheinen mussten und trugen dazu bei, dass das Renommee des Lehrstuhls unter seiner Leitung im In- und Ausland stieg. 1931 begab sich Prof. Müller nach 18jähriger akademischer Lehrtätigkeit wegen seines angegriffenen Gesundheitszustandes in den Ruhestand [15].

Das 1930 begangene 25-jährige Jubiläum des Fachgebiets fiel noch in die Amtszeit von Prof. Müller, der folgendes feststellte: „Die vergangenen 25 Jahre zeigten, dass es kein Missgriff war, die wissenschaftliche Ausbildung von Ingenieuren und Chemikern an einer Technischen Hochschule zu ermöglichen. Die Werke der Papierindustrie können nicht mehr nur allein von Herren mit nur auf praktischem Wege erworbenen Kenntnissen geleitet werden. Gewiß gibt es Menschen, deren „Eignung“ zu technischen Fragen auch ohne akademische Lehrlaufbahn eine ganz hervorragende ist, was jedoch als Ausnahme angesehen werden kann. Es ist an dieser Stelle wohl unnötig, auf den Vorzug einer Hochschulausbildung besonders hinzuweisen; die fortschreitende Technisierung der Werke zur Erzeugung der Halbstoffe und des Papieres erfordert die Kenntnisse des Maschinenbaues, der Elektrotechnik und Chemie“ [16]

Abb. 2: Gruppenbild mit Prof. Schwalbe vor dem Institut für organische Chemie (1912)

Spätestens seit der Studienplanreform 1928, als eine Trennung der beiden Vertiefungsrichtungen für Papieringenieure und Cellulosechemiker eingeführt wurde, entsprach das Studium der Papieringenieurstudenten vom Prinzip der Ausbildung, die wir heute noch kennen. Der Diplom-Studiengang des Papieringenieurs war zweigeteilt in das 4-semestrige Vordiplom und das Hauptdiplom. Das Studium im Vordiplom war ein reines Maschinenbaustudium und erlaubte auch Maschinenbaustudenten von anderen Universitäten und Technischen Hochschulen einen problemlosen Wechsel in das Papieringenieurstudium nach Darmstadt, das als Vertiefungsstudiengang ab dem 5. Semester angeboten wurde. Seit 2002 gibt es an der Technischen Universität neben diesem klassischen Studiengang für Maschinenbauer auch noch 6-semestrige Bachelor-Studiengänge, die zu einem berufsqualifzierenden Abschluss führen, und darauf aufgesetzt ein 4-semestriges Vertiefungsstudium, das mit dem Master of Paper Science and Technology abgeschlossen wird. Ab dem Wintersemester 2005/06 werden im Maschinenbau keine Diplomstudiengänge mehr angeboten. Inhaltlich hat sich für die Papieringenieure mit dem Wechsel vom Diplom- zum Masterstudiengang jedoch kaum etwas geändert. Allerdings werden die Wechselmöglichkeiten universitätsfremder Bachelors vereinfacht und die Anerkennung von Studienleistungen bei Auslandsaufenthalten erleichtert.

Während der Spezialisierung zum Papieringenieur ab dem 5. Semester waren schon immer einige Maschinenbaufächer vorgesehen, deren Kenntnisse für Papieringenieure als unerlässlich betrachtet wurden und die im Laufe der Jahrzehnte der technischen Entwicklung angepasst wurden, wie Tabelle 2 zu entnehmen ist. Aus den ausgewählten Studienbedingungen für das Hauptstudium von Papieringenieuren ist abzulesen, welche Maschinenbaufächer zu belegen waren, neben den eigentlichen Vorlesungen, Übungen und Praktika aus dem Bereich Papier, Chemie und Drucktechnik. Naturgemäß kann der Autor dieses Artikels sich kein Urteil über die Inhalte und Umfänge der vor 75 oder 50 Jahren gehaltenen Vorlesungen erlauben. Auffällig ist, dass sich in den vergangenen 100 Jahren die Anzahl der zu belegenden Maschinenbaufächer bis in die 1990er Jahre deutlich reduziert hat, während im Gegenzug der Umfang von papierbezogenen Vorlesungen und Praktika zunahm. Einige der Vorlesungen sind sicher weggefallen, da sie an Bedeutung verloren haben, wie z. B. Wasserkraftmaschinen, andere sind zusammengelegt oder in das Vordiplom verlegt worden. Im Bereich der Spezialausbildung für Papieringenieure haben sich natürlich die Lehrinhalte der technischen Entwicklung angepasst, die Zahl und die Titel der Fächer sind aber nahezu unverändert geblieben. In den 1950er Jahren wurde mit der Gründung des Lehrstuhls für Druckmaschinen und Druckverfahren die Drucktechnik für Papieringenieure mit aufgenommen und seit Ende der 1960er Jahre wird Paperverarbeitung als Lehrauftrag an der TH Darmstadt unterrichtet. Heute beinhaltet das Papieringenieurstudium neben der Belegung von Vorlesungen und Praktika außerdem die Erstellung einer Studien- und einer 6-monatigen Diplom- bzw. Masterarbeit, während bis etwa 1965 drei Studienarbeiten und eine 3-monatige Diplomarbeit erstellt werden mussten.

Prof. Dr. Carl G. SCHWALBE kam bereits 1902 als Dozent an die TH Darmstadt, habilitierte für die Gebiete Farben- und Faserchemie und betreute zunächst das Farbstoff- und Färbereipraktikum. Bereits 1908 wurde sein außeretatmäßiger, außerordentlicher Lehrauftrag für organische Chemie für Studierende der Papierindustrie um Cellulose- und Textilchemie erweitert. Mit Erweiterung des organisch-chemischen Praktikums für Studierende des Papierfaches kann das Sommersemester 1908 als Geburtsstunde für das Institut für Cellulosechemie betrachtet werden (Abb. 2). 1912 erhielt Prof. Schwalbe einen ehrenvollen Ruf an die Forstakademie Eberswalde.

Als sein Nachfolger wurde Prof. Dr.-Ing. Emil HEUSER als Leiter des Lehrstuhls für Cellulosechemie 1912 ernannt, der in München, Karlsruhe und Graz studiert hatte. Er war in verschiedenen Betrieben der Zellstoff- und Papierindustrie beschäftigt gewesen und kam von der Papierfabrik Steyrermühl / Österreich. 1923 verließ Prof. Heuser mit seinem damaligen Assistenten Georg Jayme die TH Darmstadt, um eine hervorragend ausgestattete Stellung als Leiter des neu gegründeten Forschungslabors der Vereinigten Glanzstoff-Fabriken AG in Seehof bei Berlin-Teltow anzunehmen. In die Amtszeit von Prof. Heuser fiel der Umzug der Cellulosechemie in ein ehemaliges militärisches Kammergebäude vor der Süd-Ost-Ecke des Maschinenbau-Hauptgebäudes, das 1921 feierlich seiner Bestimmung übergeben wurde. [17]

Bereits im Wintersemester 1924/25 hielt Prof. Dr. Karl JONAS die cellulosechemischen Vorlesungen für die Papieringenieure. Prof. Jonas hat sein Chemiestudium in München und Breslau absolviert und habilitierte 1919 zum Dr. phil. in Breslau, bevor er 1924 nach Darmstadt kam. Schon bald nach Amtsantritt befasste er sich mit der Umgestaltung des Studiengangs für Papieringenieure mit entsprechend starker chemischer Ausrichtung. Neben der Modifikation der Praktika wurde eingeführt, dass Papieringenieure ihre abschließende Diplomarbeit auf maschinentechnischem, technologischem oder cellulosechemischen Gebiet durchführen konnten, wobei von der letztgenannten Möglichkeit damals sehr häufig Gebrauch gemacht wurde, wie die Aufstellungen der im Institut für Cellulosechemie ausgeführten Arbeiten belegen. Doktorarbeiten wurden damals fast ausschließlich “auf cellulosechemischem, teilweise auch physikalischem Gebiet ausgeführt, da der damalige Inhaber des Lehrstuhls für Papierfabrikation, Herr Geh. Baurat Prof. Dr.-Ing. e.h. Fr. Müller, bei seiner besonderen Arbeitsrichtung keine Doktoranden annehmen konnte.“ Die Erweiterung des Know-hows von Papieringenieuren in den Wissenszweigen Maschinenbau und Chemie war so prägnant, dass die gleichzeitige Bewältigung beider Studienrichtungen kaum noch möglich erschien. Daher entschloss man sich, im Wintersemester 1927/28 das Papieringenieurwesen in eine maschinentechnische und eine chemisch-technische Studienvertiefung aufzuspalten. Für das maschinentechnische Studium des Papieringenieurs entfielen etliche chemische Vorlesungen. Außerdem wurden das anorganisch-analytische und das organisch-präparative Praktikum verkürzt. Allerdings wurde diese Neuordnung 1933 wieder verworfen und der Papieringenieur im Wesentlichen als Maschinenbauingenieur ausgebildet, der „nur die unumgänglichste, auf seine besonderen Bedürfnisse zugeschnittene chemische Ausbildung im Institut für Cellulosechemie erhält.“ Während der Amtszeit von Prof. Jonas wurde im Keller des Institutsgebäudes eine größere Zellstoffversuchsanlage eingerichtet, die 1929 in Betrieb genommen wurde.

Auf den aus disziplinarischen und damit unpolitischen Gründen erzwungenen Rücktritt von Prof. Jonas als Institutsleiter im Jahr 1933, folgte dessen Emeritierung ein Jahr später. In dem verwaisten Institut übernahm der ehemalige Direktor der Zellstofffabrik Waldhof, Dr.-Ing. E. SCHMIDT, dankenswerterweise den Vorlesungsbetrieb. 1936 wurde schließlich Prof. Dr.-Ing. Georg JAYME als Professor und neuer Institutsleiter berufen, der das Institut nachhaltig wieder beleben sollte. Prof. Jayme ging nach vierjähriger Tätigkeit bei den Vereinigten Glanzstoff-Fabriken AG als Leiter der Forschungsabteilung zur Canadian International Paper Company nach Hawkesbury, Ontario in Kanada. Mit Gründung des Instituts für Zellstoff- und Papierchemie wurde auf Wunsch des Reichsamtes für Wirtschaftsausbau ein besonderer Mitarbeiterstab für bestimmte Forschungsaufgaben verpflichtet und außerdem eine Holzforschungsstelle eingerichtet. Die größere Mitarbeiterzahl und der schnell steigende Zustrom an Studenten führten zu Unterbringungsproblemen, so dass mit Hilfe des Reichsamtes für Wirtschaftsausbau ein Neubau auf dem ehemaligen Ballonplatz (Ecke Alexanderstraße/Magdalenenstraße) geplant wurde. Grundsteinlegung war 1938, das Richtfest im Jahr darauf wurde in einem sehr bescheidenen Rahmen gefeiert und in Folge des 2. Weltkrieges ging der Innenausbau nur sehr schleppend voran. Das Gebäude wurde während des Krieges stark beschädigt und hat eine bewegte Geschichte hinter sich, die erst 1957 mit der Fertigstellung und dem Bezug der letzten Räume endete und in der Festschrift „50 Jahre Cellulosechemie“ ausführlich beschrieben wurde [18]. In diesem Gebäude ist das Ernst-Berl-Institut für Technische und Makromolekulare Chemie, wie es sich heute nennt, immer noch untergebracht. Nach der Emeritierung von Prof. Jayme im Jahre 1969 standen dem Institut noch drei Institutsleiter vor: Prof. Dr. phil. Josef SCHURZ (1969-1974), Prof. Dr. rer. nat. Thomas KRAUSE (1975-1991) und Prof. Dr. Erich GRUBER (seit 1994). Im Zeitraum zwischen der Emeritierung von Prof. Krause und der Berufung von Prof. Gruber wurde die Ausbildung für die Papieringenieure mit Vorlesungen und Praktika vom akademischen Oberrat Dr.-Ing. Walter SCHEMPP aufrechterhalten.

[14] Brecht, W.: Geheimrat Friedrich Müller 70 Jahre alt. WfP 66(1935), Nr. 4, S. 61-62

[15] Brecht, W.: Geheimrat Professor Dr.-Ing. e. h. Friedrich Müller †. WfP 72(1941), Nr. 44, S. 623-624

[16] Müller, F.: 25 Jahre Papieringenieurwesen an der Technischen Hochschule Darmstadt. Festschrift anlässlich der 25-Jahrfeier des Akademischen Papieringenieurvereins am 21.06.1930

[17] Jayme, G.: 50 Jahre Lehre und Forschung im Institut für Cellulosechemie mit Holzforschungsstelle der Technischen Hochschule Darmstadt (1908 – 1958). Festschrift zum 50jährigen Bestehen des Instituts für Cellulosechemie an der Technischen Hochschule Darmstadt. Darmstadt, 1958, S. 9-24

[18] Jayme, G. und Branscheid, F.: Die bauliche Entwicklung des Instituts für Cellulosechemie mit Holzforschungsstelle. Festschrift zum 50jährigen Bestehen des Instituts für Cellulosechemie an der Technischen Hochschule Darmstadt. Darmstadt, 1958, S. 45-85